Digitalisierung endet nicht am Bergpass

Gipfelgespräch in 5.300 Metern Höhe: Was das „Dach der Welt“ über Digitalisierung lehrt

Eine Reisebeobachtung über Infrastruktur, Unterschiede – und europäische Fragen

Von tibetischen Höhen: FaceTime auf über 5.300 Metern

Im Dezember stand ich im wahrsten Sinne des Wortes ganz oben – auf über 5.300 Metern Höhe in Tibet, unweit des Mount Everest. Zwischen Fels und Eis passierte etwas, das mich gleichermaßen staunen und schmunzeln ließ: Ich führte ein vollkommen stabiles FaceTime-Gespräch mit Kollegen in Europa. Keine abgehackten Worte, kein eingefrorenes Bild – als säße ich im heimischen WLAN. In einer Umgebung, in der eher Yaks als YouTuber zu Hause sind, bekommt der Begriff „Digitalisierung“ tatsächlich eine neue Dimension.

Dieses technologisch verblüffende Erlebnis ist mehr als nur eine Anekdote für den nächsten Freundeskreis-Abend. Es zeigt eindrucksvoll, wie konsequent China auf seinem Staatsgebiet digitale Infrastruktur ausrollt – selbst dort, wo man sie nun wirklich nicht erwarten würde. Tatsächlich haben chinesische Techniker unlängst mehrere 5G-Antennen am Everest-Basislager (5.300 m) und höher in Betrieb genommen. Das Resultat: Selbst unter dem gleißenden Himmel des Himalaya sind Videocalls in HD möglich. Der digitale Anschluss kennt hier oben keine Höhenangst.



Symbolbild: digitale Infrastruktur und Vernetzung in extremen Regionen

Beschreibung: Smartphone zeigt 5127.9 Höhenmeter an, hat aber trotzdem 4G.



Wenige Kilometer weiter: Digitale Realität in Nepal

Ein paar Kilometer Luftlinie vom High-Tech-Basislager entfernt betritt man eine völlig andere Welt – Nepal. Kaum über der Grenze ändert sich das Bild drastisch. Hier bestimmen holprige Straßen, häufige Stromausfälle und brüchige Netze den Alltag. Natürlich ist auch in Nepal vieles irgendwie digital: Smartphones sind verbreitet, Facebook und TikTok kennt man selbst im entlegensten Bergdorf. Statistisch gibt es in Nepal sogar mehr Mobilfunkanschlüsse als Einwohner (Stand 2025: ~39 Millionen SIM-Karten bei ~29,6 Mio. Einwohnern). Doch dieser erste Eindruck trügt. Viele Anschlüsse bedeuten nicht automatisch flächendeckendes Internet – knapp 45 % der Nepalesen waren 2025 noch offline, vor allem in ländlichen Regionen.

Die digitale Welt Nepals wirkt fragmentiert und oft improvisiert. Internet gibt es hier oft nur in kleinen Dosen – mal ein WLAN-Hotspot in der nächstgrößeren Stadt, mal ein mobiler Datenschub, wenn der Generator gerade läuft. Verlässliche Infrastruktur? Meist Mangelware. So berichtete UNICEF bereits 2022, dass lediglich 3 % der nepalesischen Jugendlichen Zugang zu Computer und Internet hatten. Man stelle sich vor: 97 von 100 jungen Menschen bleiben vom globalen Netz praktisch abgeschnitten. Diese Zahl mag inzwischen etwas besser geworden sein, doch sie unterstreicht Nepals gewaltige digitale Kluft. Hier liegt der Unterschied zur tibetischen 5G-Oase auf der Hand – der Wille zur Digitalisierung ist da, aber die Möglichkeiten sind begrenzt.

Während ich also auf tibetischer Seite per Videocall die Schneegipfel im Hintergrund aufblitzen sah, suchte ich ein paar Tage später in Nepal oft vergeblich nach einem Netz, das stärker war als ein Yak. Zwei benachbarte Regionen, getrennt nur durch eine unsichtbare Grenze, und doch liegen in Sachen Konnektivität Welten dazwischen.


Unterwegs mit Tenzin Woaber – Ein lokaler Blick auf Digitalität

Und weil ein solcher Ausflug ohne den richtigen Führer kaum mehr als ein netter Mythos wäre, traf ich in Tibet Tenzin Woaber, den General Manager und Mitgründer von Tenzin Travel & Tours, einer der ältesten lokal geführten Reiseagenturen in Lhasa. Die Agentur wurde 1997 von seiner Familie gegründet und hat sich seitdem auf die Betreuung internationaler Besucher im Hochland spezialisiert – mit lokalem Wissen, lokalen Guides und einem tiefen Verständnis für das tibetische Leben und die Herausforderungen vor Ort.

Tenzin kennt das Hochland nicht aus Karten oder Dokumentationen, sondern aus täglicher Praxis. Er führte uns durch Orte, die man ohne lokale Erfahrung kaum erreichen würde, erklärte Abläufe, Genehmigungen, kulturelle Besonderheiten – und vor allem das, was auf Reisen gerne übersehen wird: den Alltag. Seine Rolle war dabei die eines ruhigen, präzisen Vermittlers zwischen Landschaft, Kultur und Logistik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Gerade diese Selbstverständlichkeit war bemerkenswert. Während ich mich noch über Funklöcher, Höhenmeter und Infrastruktur wunderte, bewegte sich Tenzin mit einer Gelassenheit durch die Region, die nur jemand besitzt, für den all das kein Ausnahmezustand ist. Die Reise bekam dadurch einen Boden unter den Füßen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Vielleicht liegt darin eine der stilleren Erkenntnisse dieser Reise: Globale Entwicklungen werden oft anhand abstrakter Begriffe diskutiert. Vor Ort hingegen sind sie eingebettet in konkrete Menschen, Routinen und Wege. Ohne Reiseführer wie Tenzin wäre vieles davon unsichtbar geblieben – ganz unabhängig davon, ob das Mobilfunknetz gerade fünf Balken zeigt oder keinen einzigen.



Workshop: Diskussion zu Governance, Infrastruktur und Verantwortung bei Digitalisierung und KI

Beschreibung: Fotoshooting in luftigen Höhen.



Daten, Tempo und KI: Chinas Vorsprung

Diese Reise führte mir vor Augen, dass der technologische Vorsprung mancher Regionen weniger an einzelnen Innovationen liegt, sondern an den Rahmenbedingungen. In Tibet und der Volksrepublik China ist Datenverfügbarkeit eine Selbstverständlichkeit. Was digital machbar ist, wird gemacht – ohne große Debatten, ohne langes Abwägen. Behörden und Unternehmen sammeln eifrig Daten und bauen Dienste darauf auf. Das schafft Tempo. Und dieses Tempo schafft Möglichkeiten – gerade auch für die künstliche Intelligenz (KI).

Der entscheidende Faktor: Daten sind der Treibstoff von KI. Und von diesem Treibstoff besitzt China riesige Vorräte. Die EU-Kommission stellte fest, dass Chinas Zugriff auf Big Data ihm einen großen KI-Vorteil verschafft – „das Brennmaterial der KI-Entwicklung“, wie es in einem Bericht heißt. Was heißt das konkret? In China nutzen Hunderte Millionen Menschen tagtäglich digitale Dienste von WeChat bis Alipay; Überwachungskameras filmen Städte rund um die Uhr. All das generiert gigantische Datenmengen. Diese werden – ohne dass lange Datenschützer-Konferenzen abgewartet würden – für KI-Systeme genutzt, trainiert und in neue Anwendungen gegossen. KI-Forschung und -Wirtschaft können so aus dem Vollen schöpfen.

Europa schaut auf dieses Entwicklungstempo oft mit gemischten Gefühlen: Einerseits mit Sorge (Stichwort digitale „Systemrivalität“), andererseits durchaus mit Neid. Man muss kein Orakel sein, um zu prognostizieren, dass KI-Systeme dort schneller entstehen, wo Daten in Fülle und ohne Verzögerung verfügbar sind. Chinesische Firmen und Institute produzieren KI-Patente und Anwendungen im Eiltempo – vom autonom fahrenden Bus bis zur intelligenten Stadtverwaltung. Der Grund ist weniger mystisch als praktisch: Unmengen an Daten + weniger Bremsklötze = höhere Geschwindigkeit. Oder, etwas poetischer, mit einem chinesischen Sprichwort gesagt: „Wer schnell trinkt, der löscht zuerst seinen Durst.“ China hat großen Durst auf KI-Entwicklung – und stillt ihn mit Daten.



Fachgespräch: Ethik, Governance und Regulierung von KI in Europa

Beschreibung: Die Flagge über dem Dach der Welt.



Europas Weg: Ethik, Governance und der AI Act

Zur gleichen Zeit diskutieren wir in Europa zu Recht über Governance, Ethik und Regulierung im digitalen Raum. Unser Kontinent geht das Thema KI betont menschenzentriert und vorsichtig an. Datenschutz (man denke an die DSGVO) und Grundrechte stehen nicht zur Disposition. So verlangt z.B. die europäische Datenschutz-Grundverordnung explizite Einwilligungen für jede Datennutzung – die Folge: Viele Daten werden in der EU erst gar nicht erhoben oder weitergegeben. Man könnte sagen, Europa fährt mit angezogener Handbremse, während China aufs Gaspedal tritt. Aber: Diese Handbremse hat einen guten Grund. Sie heißt Vertrauen.

In Europa soll Technologie dem Menschen dienen – und nicht umgekehrt. Der aktuell verabschiedete EU AI Act (die EU-Verordnung für künstliche Intelligenz) bringt dieses Selbstverständnis auf den Punkt. Er ist der weltweit erste umfassende Rechtsrahmen für KI und folgt dem Motto: Innovation ja, aber sicher, transparent und grundrechtskonform. So klassifiziert der AI Act KI-Systeme je nach Risikostufe und verbietet konsequent, was als unannehmbares Risiko gilt. Soziale Scoring-Systeme etwa – also KI, die Menschen einen Wert basierend auf Verhalten zumisst – sind explizit untersagt. Ebenso verboten sind KI-Methoden, die Menschen manipulieren oder ausnutzen sollen. Diese Verbote zielen direkt auf Anwendungen ab, die andernorts bereits Realität sind (man denke an Gesichtserkennung im öffentlichen Raum oder eben Chinas Social-Credit-System). In Europa hingegen will man solche Entgleisungen von vornherein abwenden. Sicherheit und Grundrechte stehen über der Geschwindigkeit.

Natürlich bringt diese Haltung intensive Debatten mit sich. Während meiner Reise wurde mir klar: Was wir in Europa an Zeit in Diskurse über KI-Ethik und Regulierung investieren, nutzen andere für den schnellen Ausbau von Infrastruktur und Datenpools. In der europäischen Tech-Community klagen manche bereits, die Regulierungsfreude wirke wie ein „Kälteschock“ auf Innovation – sprich, sie kühlt den anfänglichen Enthusiasmus schnell ab. Die Kunst wird darin bestehen, dass Europa trotz klarer Regeln nicht den Anschluss verliert. Der AI Act versucht genau dieses Kunststück: Er formuliert strikte Leitplanken, enthält aber auch Förderansätze, etwa Sandboxes für KI-Startups und Testumgebungen, in denen Innovation ausgelebt werden darf – unter Aufsicht, versteht sich.

Unterm Strich nimmt Europa einen anderen Weg als China. Es ist ein Marathon statt Sprint. Wir legen Wert darauf, die digitale Welt erst zu verstehen und zu zähmen, bevor wir sie in jeden Winkel bringen. Diese Herangehensweise ist weder falsch noch richtig – sie ist eine bewusste politische Entscheidung. Doch man sollte sich klar machen: Sie hat Konsequenzen. Während wir Leitlinien entwerfen, entfaltet sich anderswo die KI-gestützte Realität in Echtzeit. Das Wettlauf-Gefühl ist greifbar: Wer setzt den Standard – der, der zuerst handelt, oder der, der zuerst Regeln aufstellt?



Fazit: Perspektiven vom Dach der Welt

Der Anblick des Mount Everest ist überwältigend – monumental und unbeweglich. Doch die digitale Welt unterhalb dieses Gipfels ist es nicht. Sie entwickelt sich rasant weiter, nur eben nicht überall gleich schnell. Mein kleines FaceTime-Abenteuer am Dach der Welt war dafür sinnbildlich: Es zeigte, wie unterschiedlich die digitalen Realitäten auf engstem geografischen Raum sein können.

Für mich persönlich war diese Reise ein Augenöffner. Sie führte mir vor Augen, dass KI kein abstraktes Zukunftsthema ist, über das man endlos theoretisieren kann. KI entsteht aus sehr konkreten Voraussetzungen: schnelles Internet am entlegensten Ort, Daten in Hülle und Fülle, politischer Wille und klare (oder eben weniger klare) Regeln. Infrastruktur, Datenverfügbarkeit und politische Entscheidungen – das sind die wahren Treiber hinter dem, was technologisch möglich wird. Ein Algorithmus mag global sein, aber seine Entfaltung ist zutiefst lokal.

Und was nehme ich für mich – und unseren Arbeitsalltag – mit? Vor allem die Erkenntnis, dass manchmal eine Reise mehr lehrt als jedes Whitepaper. Die Gegensätze zwischen Tibet, Nepal und Europa haben mir gezeigt, wie wichtig der Blick über den Tellerrand ist. Wer die globalen Zusammenhänge der Digitalisierung mit eigenen Augen gesehen hat – sei es die Antenne am Everest oder der fehlende Mast im Himalaya-Dorf – der versteht besser, warum unsere Projekte, Produkte und Strategien so sein müssen, wie sie sind.

So wirkt der Mount Everest auf Distanz zwar für die Ewigkeit gemacht, doch darunter in den Tälern schreibt die digitale Welt täglich neue Kapitel – jedes Land in seinem Tempo. Es liegt an uns, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Denn am Ende profitieren wir alle davon, wenn wir sowohl die rasanten Höhenflüge als auch die langsamen Pfade der Digitalisierung begreifen. Nur dann können wir unseren eigenen Weg finden – vielleicht nicht immer der schnellste, aber einer, der zu unseren Werten passt und uns voranbringt.

bleibt nur noch zu sagen: Grüße vom Gipfel – möge der digitale Sauerstoff nie ausgehen!


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